Noggin-and-Natter 2017 bei Eric Kress

Die Einladung von der Eric Kress GmbH zu einem Informationstag über das Innenleben unserer Fahrzeuge stiess auf reges Interesse. Die Firma ist auf dem Gebiet der Autosattlerei in der Schweiz zweifellos die Nummer eins. Und das, was man als Gegenleistung für die CHF 50.- erhielt, sprengte bei weitem das zu Erwartende. Nun, ein Noggin and Natter Day wird von den BDC-Mitgliedern immer auch als gesellschaftlicher Anlass wahrgenommen und geschätzt. Bei Kaffee und Gipfeli herrschte von Beginn weg jene frohe Stimmung unter Gleichgesinnten. Man freute sich am Wiedersehen und versuchte sich die Namen derer zu merken, denen man bisher noch nicht begegnet war. Die Namenkärtchen sind ein Segen und entlasten das Gedächtnis…

Im Auge zu behalten: Die Lederpolster
Leder reinigen kann doch kein Problem sein! Oder doch? Eine praktische «Antwort» erhielten wir von Pascal Schäfer, einem engagierten jungen Mitarbeiter der Firma. Auf dem Tisch lag ein Sitzpolster eines Jaguars. Als erstes reinigte der Fachmann mittels feinem Druckluftstrahl ausgiebig die Nähte. Dann sprühte er etwas Reinigungsflüssigkeit auf ein würfelförmiges Schwämmchen und knetete es so, dass Schaum entstand. Mit kreisenden Bewegungen massierte er den Schaum leicht in das Leder ein, liess das Mittel kurz einwirken und wischte anschliessend mit einem weissen Baumwolllappen den Schmutz von der bearbeiteten Stelle. Es war erhebend zu sehen, mit welcher Schnelligkeit Pascal Schäfer arbeitete, fortwährend mit dem richtigen Quantum an Reinigungsmittel und dem der Situation angepassten Druck auf das Leder achtete, gekonnt verhindernd, dass sich Farbe löste. Um Fleckenbildung zu vermeiden, empfahl er die Reinigungsflüssigkeit nicht direkt auf das Leder zu sprühen. Im Normalfall würde man nach der Reinigung eine Pause einlegen, damit das Leder etwas nachtrocknen kann. Anschliessend muss das Leder genährt werden. Dies geschieht je nach der Art der Färbung und Gerbung mit synthetisch hergestelltem Öl, mit von Fischen gewonnenem Tran oder Klauenöl. Ist das Leder lackiert worden, oder geht es an eine Polsterung, die mit einem Film geschützt ist, drängt sich eine andere Form der Reinigung auf. Wer auf Nummer sicher gehen will, fragt nach und lässt sich beraten.

Thematisiert wurde auch das Einfärben von Leder und die Prozeduren, die notwendig sind, um Risse zu beheben. Bewegt sich der Laie beim Reinigen von Polstern mit seinem Können oft bereits in einem Grenzbereich, so gehören Reparaturen und Einfärben in die Hände von erfahrenen Fachkräften. Allein der Mischprozess, um den genauen Farbton zu erhalten, erfordert sehr viel Geschick, Kenntnis in Farbenlehre und zudem noch Erfahrung im Zusammenhang mit der durch die Trocknung unvermeidlichen Farbveränderung. Der Blick des Schreibenden schweift unter die Werkbank, wo angefüllt mit diversen Chemikalien zwei Harasse stehen. Kein Zweifel, hier wird ein hohes Mass an Fachwissen eingesetzt, um die in die Jahre gekommene Polsterleder unserer rollenden Lieblinge auf Vordermann zu bringen.

Strapaziert: Die Teppiche
Während wir uns (in der Regel und hoffentlich) mit sauberen Kleidern (keine Jeans!)auf die Polster setzen, lässt es sich nicht vermeiden, dass wir mit dem Betreten eines Fahrzeugs unweigerlich Schmutzpartikel ins Innere tragen. Kommt Feuchtigkeit dazu, verbinden sich die Verunreinigungen mit den Textilien besonders intensiv. «Urgestein» Stefan Kofel, Werkstattchef der Kress GmbH, führte uns ein äusserst wirkungsvolles Reinigungsprozedere vor. Er verwendete dazu einen sogenannten Waschsauger (z.B. Kärcher SE 4001, ca. CHF 200.-). Selbst bei anhaltend guter Pflege mit dem Staubsauger werden Teppiche mit der Zeit unansehnlich. Es bilden sich unschöne Laufstraßen, die sich mit einem Staubsauger nicht mehr entfernen lassen. Sogenannte 3in1-Sauger oder auch Sprüh-Extraktionsgeräte ermöglichen eine porentiefe Teppichreinigung. Im Vergleich zur konventionellen Reinigung bietet ein guter Waschsauger den entscheidenden Vorteil, dass ausschließlich sauberes Wasser aus dem Frischwassertank zum Einsatz kommt. Das Schmutzwasser wird separat gesammelt. Im Gegensatz zur Reinigung mit Schwamm und Eimer kommt das verunreinigte Wasser also nie mit dem sauberen Wasser in Berührung. So wird der Schmutz wirksam beseitigt. Das besagte Teppichstück war zwar vorgängig mit dem Staubsauger gereinigt worden. Was der Waschsauger an Schmutzbrühe aus dem kleinen Teppich herausholte, versetzte uns alle in Erstaunen.

Thematisiert wurde auch die Luftfeuchtigkeit. Sie wird vor allem in den Sommermonaten zum Problem für die Innenausstattung, wenn Werte von über 60 % zur Regel werden. Die Feuchtigkeit fördert das Wachstum der Mikroben und Bakterien. Kommt es gar zu einer Schimmelbildung, so hilft nur noch eine Ozonbehandlung, um dem hochgradigen Gift beizukommen. Die Kress GmbH verfügt über die Ausrüstung dazu. Grundsätzlich sollte die Luftfeuchtigkeit den Wert von 50- 60 % nicht dauerhaft überschreiten. Beim garagierten Fahrzeug sind die Fahrzeugfenster etwas zu öffnen bei ausreichender Luftzirkulation. Ein Hygrometer (Luftfeuchtigkeitsmessgerät ca. 30.- CHF ) ist ein Gerät, das in keiner Oldtimer-Garage fehlen sollte. Werden die Fahrzeugtüren nicht vollends geschlossen, können sich auch die Gummidichtungen erholen, bleiben geschmeidig und schliessen dann dicht, wenn es sein muss - während einer Fahrt im Regen.

His Masters Voice: Der Aufbau eines Polsters
Anhand diverser Beispiel zeigte Eric Kress, wie sich der Aufbau der Polster im Laufe der Zeit verändert hat. Ursprünglich kamen einzeln auf einem Holzrahmen befestigte Kegelfedern zum Einsatz. Diese wurden von Schnüren und Bändern zusammengehalten und positioniert, damit ein stabiler Unterbau für einen Sitz oder eine Rücklehne entstand. Bei originalen Vorkriegsfahrzeugen mag eine solche Art des Polsterinnenlebens noch vorhanden sein. Nachkriegsfahrzeuge weisen eine vereinfachte Form auf, die bekannt ist unter dem Begriff „Federkern“. Bei dieser Art Polsterunterbau übernehmen Drahtwindungen und ineinandergreifende Schlaufen die Aufgabe des Federns. Geradezu einem Quantensprung fühlte man sich ausgesetzt bei der Betrachtung eines Polsterunterbaus der Neuzeit. Es sind ausschliesslich Kunststoffe diverser Konsistenz, die den Kern moderner Autositze und Rücklehnen bilden. Die Schalen sind genormt, was dann und wann die Sitzqualität beeinträchtigt. Deftig gesagt: Nicht alle „Ärsche“ sind gleich dimensioniert, und so bietet sich auch für die Kress GmbH geradezu an, dass auf Wunsch auch Sitzschalen neu geformt werden.

Beim Mittagessen stieg der Sprechpegel enorm. Um dutzende Dezibel lauter war es nur gewesen, als die Schottenröcke mit den Dudelsäcken ihre Musik in der Werkstätte zum Besten gaben. Man hatte sich viel zu erzählen. Die Schinkentranchen, der Kartoffelsalat – alles schmeckte vorzüglich und bei einem Glas Wein war gut wohl sein. Manche nutzten die Gelegenheit, um mit einem von der Schmohl AG zur Verfügung gestellten Bentley Bentayga einige Runden zu drehen. Ob jemand anschliessend gleich einen Kaufvertrag unterschrieben hat, bleibt dahingestellt. Kaffee - und dazu von Gattin Maya Kress selbst gebackener Kuchen - würzte den Ausklang des in allen Teilen sehr gelungenen Informationstages.

Peter Müller